Flurina Hack – Ableger

gepard14

 

Rote Linien schlängeln sich über die Wände des Ausstellungsraums. Wie ein Spaziergang um seiner selbst willen, ohne Ziel ziehen sich die Pinsellinien über die Flächen und wachsen zu chaotisch anmutenden Strukturen heran. Einmal sind die Pinsellinien im Farbauftrag dicht, um sogleich wieder körnig und flüchtig an Präsenz zu verlieren und beinahe vollständig zu entschwinden. Nur dann und wann formen sich – ganz selbstverständlich – aus den sich windenden Linien gegenständliche Gebilde: Die rote Farbe materialisiert sich zu einem Pferd mit Reiter, vielleicht mit einem Wagen, oder zu zwei weiblichen Figuren, die über die Fläche schreiten. Es sind Figuren der Bewegung, die einen Weg, ein Vorangehen in sich tragen. Diesen dynamisch belebten Farblinien setzt Flurina Hack die geometrisch-strengen Linien in rotem Klebeband entgegen. Mithilfe des Klebebandes zeichnet sie Maschinen, vielleicht einen Fleischwolf, einen Monitor, ein Teleskop, eine Kamera... Die Natürlichkeit der bewegten Pinsellinie verknüpft sich mit der Künstlichkeit der statischen Klebebandlinien. Aber auch diese sind Formen der Transformation und der Kommunikation, Formen eines Hier und genauso eines Dort.

 

Damit weisen die Linien – und was sich aus ihnen formt – bereits auf Flurina Hacks weitere Arbeit für gepard14. Die Linien des Innenraums werden sich nach Aussen, in das Quartier, ausbreiten. Die Titel gebenden Ableger werden sich in der Telefonzelle vor dem Ausstellungsraum und an weiteren Orten in der Umgebung materialisieren. Die Anwohner sind eingeladen, Dinge des Alltags in Rot vorbeizubringen. Im Tausch werden sie von der Künstlerin markierte Bleistifte erhalten. Im Laufe der Zeit entsteht so eine Installation, die als Gemeinschaftsarbeit die ganze Nachbarschaft verflechtet und diese so in den Ausstellungsraum befördert. Ein Projekt der Partizipation mithilfe von Kunst, eine Aufhebung von Hemmschwellen und Vorurteilen gegenüber dem elitären Ruf der Kunst. Gleichzeitig ist das Sammeln für Flurina Hack ein wichtiges Mittel, ebenso die Verwendung von alltäglichen Materialien und Fundstücken. Sie arbeitete mit Collage und Assemblage und benutzt dazu Verpackungsmaterial, Klebeband oder Putzlappen.

 

Die Grenzen von Privat und Öffentlich werden in ihrem Projekt aufgelöst, indem Anwohnerinnen und Anwohner ihre privaten Gegenstände vollkommen öffentlich zur Schau stellen. Die Telefonzelle stellt dafür den passenden Raum, ist sie doch ein transparenter Ort inmitten der Öffentlichkeit, in dem ein Hauch von Privatsphäre erzeugt werden soll. In unserer Zeit der mobilen Kommunikation ist die Telefonzelle bereits zu einem überkommenen Relikt geworden. Die Grenzen von Privat und Öffentlich sind gerade mit neuen Kommunikationstechnologien und neuen Medien aufgehoben. Was vor nicht allzu langer Zeit noch im geschlossenen Raum der Telefonzelle geschah, wird heute an die Öffentlichkeit getragen – ihr geradezu aufgezwungen. Die Klebebandformen im Innenraum verweisen auf diese Mittler: Der Monitor eines Computers, der uns Zugang zum weltweiten Netz erlaubt; die Kamera, die uns in öffentlichen Räumen beobachtet und überwacht; das Teleskop oder Fernrohr, das den Blick aus der Ferne in den Privatraum öffnet.

 

(von Dominik Imhof)

 

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«Zwischen den Dingen liegt Poesie»

 

Mit ihrer Ausstellung «Ableger» verwischt Flurina Hack die Grenzen zwischen drinnen und draussen, zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum und fördert so ganz nebenbei den Austausch im Quartier.

 

Tag für Tag streift unser Auge unzählige Gegenstände, die uns auf den ersten Blick keinen weiteren wert sind. Flurina Hack, freischaffende Künstlerin aus Bern, schaute zweimal hin, als sie vor dem Kunst- und Begegnungsraum «gepard14» eine der selten gewordenen PTT-Telefonkabinen entdeckte, deren verwitterte Aufschrift daran erinnert, dass es ein Leben vor dem Smartphone gab. Telefoniert wird in dieser Kabine schon lange nicht mehr. Trotzdem – oder gerade deshalb – steht sie im Zentrum von Flurina Hacks Ausstellung «Ableger».

 

Seit bald zwei Monaten arbeitet Hack im «gepard14». Mit der Integration der Gegebenheiten vor den Fenstern des eigentlichen Ausstellungsraumes ist die Installation nicht nur Ableger der Atelierarbeit in den Vidmarhallen, sondern auch ein Ableger von drinnen nach draussen. Die Ausstellung visualisiert Hacks Idee, den privaten mit dem öffentlichen Raum zu verbinden und das Quartier und dessen Bewohnerinnen und Bewohner in die Installation einzubeziehen.

 

Drinnen und draussen

 

Drinnen an den weissen Wänden des Ausstellungsraumes kringeln sich rote Linien auf dem schneeweissen Untergrund, als würden sie dem leisen Pianospiel des musikalischen Mieters im Untergeschoss folgen. Sie suchen sich ihren Weg, mal in Zartrosa, mal knallrot, ballen sich zusammen und bilden unvermittelt eine Gestalt. Etwa ein Pferd mit Reiter, zwei Frauen in Tracht, ein grosses Netz, das sich über die Wände spannt. Scharf kontrastiert werden die verspielten Figuren von den geometrischen Linien aus rotem Klebeband, die sich über die Wände hinweg bis hin zum Fenster ziehen und dadurch den Blick auf den Aussenraum lenken.

 

Also, zurück zur Telefonkabine: An drei Sammel- und Tauschtagen hat Flurina Hack die Quartierbewohner eingeladen, ihr rote Gegenstände vorbeizubringen. Bereits am ersten Oktobersamstag kam ein vielfältiges Sammelsurium an Alltagsobjekten zusammen. Ein roter Bundesordner, in dem die frühere Besitzerin offensichtlich Steuerdokumente aufbewahrte, ein Mikrofaser-Lappen, ein zündroter Gartenzwerg oder auch eine gebrauchte Zahnbürste füllen unter anderem die Kabine vom Boden bis zum Dach. Gefragt nach ihren Lieblingsobjekten, verweist Flurina Hack auf Dinge, die extra für ihr Projekt kreiert wurden: die rot lackierten «Chegeletierli», die ein Kindergartenschüler zuvor vorbeigebracht hatte. Eine ältere Dame hat mit knallrotem Garn und dazu passenden Stricknadeln eine «Lismete» beigesteuert, auch sie leuchtet inmitten der anderen Alltagsgegenstände.

 

Hemmschwellen abbauen

 

Weshalb eigentlich die Farbe Rot? Am Anfang stand eine mit roter Tinte gezeichnete Skizze, die Flurina Hack nun auf den Wänden des Innenraums umsetzen konnte. Ohne persönlichen Bezug zum Quartier wurde sie erst während ihrer Arbeit im «gepard14» auf die Umgebung aufmerksam. «Der Zufall ist eingeladen», sagt Hack, «die Umgebung und die Räumlichkeiten definieren meine Arbeiten.» Eine zu fixe Vorstellung verschliesse einem den Blick auf die Möglichkeiten, die der jeweilige Ort biete. So steht die endgültige Form der Ausstellung auch zwei Wochen vor der Vernissage noch nicht fest. Der rote Teppich, der den Ausstellungsraum über die Strasse und den Gartenzaun hinweg mit dem Nachbarhaus verbinden wird, existiert erst in ihrer Vorstellung.

 

Dass durch ihre Ausstellungen und Installationen auch die Quartierbewohner miteinander in Kontakt treten, ist nicht das primäre Ziel von Flurina Hack. Sie bezeichnet dies aber als schönen Nebeneffekt und hat deshalb am zweiten Sammel- und Tauschtag für Stühle und eine Kanne heissen Tee gesorgt, die zum Verweilen einladen. Nicht zuletzt will Hack mit der Wahl ihres temporären Arbeitsortes und dem Projekt «Ableger» Hemmschwellen abbauen und Kunst erfahrbar machen. «Museen und Galerien vermitteln oft den Eindruck, dass Kunst nur einem elitären Kreis zugänglich sei. Der Betrachter soll jedoch eingeladen werden, seiner eigenen Wahrnehmung zu vertrauen», sagt die Künstlerin. Einer von Flurina Hacks Arbeitsansätzen lautet denn auch: «Zwischen den Dingen liegt Poesie. Sie ist das eigentliche Ziel.» Dies könnte genauso gut der Untertitel der Ausstellung im Liebefeld sein, denn als Betrachterin der «roten Zelle» fragt man sich unwillkürlich, wem all die Dinge gehörten und welche Geschichte sich hinter jedem einzelnen Gegenstand verbirgt. Gleichzeitig hat jeder, der etwas zur Installation beigesteuert hat, einen persönlichen Bezug zur aktuellen Arbeit der Berner Kunstschaffenden.

 

Den Blick schärfen

 

Bereits in früheren Arbeiten war der Kontakt zur Quartierbevölkerung Teil des Konzepts. So lud Hack zum Beispiel im Bümplizer Kunstraum Cabane B unter dem Titel «Ur-Laub-Wald» die Bevölkerung ein, Souvenirs und Fundstücke aus dem Urlaub vorbeizubringen und integrierte die Menschen und ihre Ferienerinnerungen sozusagen als lebende Exponate in die Ausstellung. Ebenfalls in Bümpliz strickte sie gemeinsam mit ihrer Mutter im Winter 2010 aus Wolle, die sie im Quartier gesammelt hatten, riesige «Boummittli» für die alte Kastanie vor dem Statthalter-Schulhaus. Ein bunter Hingucker, der nicht nur Blicke auf sich zog, sondern wiederum eine Verbindung zwischen den intimen Gesprächen mit der Mutter im privaten Rahmen und dem öffentlichen Raum schaffte.

 

Den Blick schärfen für die Dinge des Alltags, das wird Flurina Hack auch mit der aktuellen Ausstellung gelingen. An diesem spätsommerlichen Oktobersamstag spaziere ich vom Liebefeld zurück in die Innenstadt. Dabei, und auch noch Stunden später, wird das Auge magisch von roten Objekten angezogen. Die verwitterte Coca-Cola-Werbung am Balkon gegenüber, die leuchtend roten Bern-Mobil-Billettautomaten, die rot gefärbten Herbstblätter in der Nachmittagssonne.

 

(von Martina Messerli, Journal B 25.10.2012)

 

>> Artikel im Journal B